Im Wandel der Zeit
Die Hoffnung stirbt zuletzt
So
bedrückt und
besorgt hatte Günter sich lange nicht mehr gefühlt, als er nach der Arbeit
auf dem Heimweg war. An diesem Tag war etwas passiert, das ihm das Gefühl gab, als wenn sein
Hals zugeschnürt würde. Gleichzeitig fühlte er sich wie ein
Vulkan, der vor
angestauter Wut und Frustration
jederzeit ausbrechen könnte. Dieses Gefühl
hatte sich schon länger angebahnt, er hatte es aber immer wieder
weggedrängt. „Es ist doch nur eine Phase. Das geht vorbei“, hatte er sich
monatelang eingeredet. Doch
mit dem heutigen Tag konnte er es nicht mehr
leugnen. An ihm schienen
verschiedene Kräfte in
entgegengesetzte Richtungen zu
zerren. Sein
gesunder Menschenverstand strebte in die eine Richtung. Die
Verpflichtungen als Lehrer gegenüber dem politischen System jedoch
rissen ihn in die andere.
Auch in seiner Schule wurde heute über den
möglichen Einmarsch der Nationalen Volksarmee – der Armee der DDR – in die ČSSR
abgestimmt. Von
„Abstimmung“ im eigentlichen Sinne konnte allerdings gar nicht die Rede sein. Es war nicht
vorgesehen, dass man entweder dafür oder dagegen stimmt, und dass
anhand dieser
Stimmen eine Entscheidung getroffen wird. Man konnte nur
zustimmen. Eine Option, dagegen zu sein