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Dein Albert

Bern, 1907

Bern, 1907
Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16699199
Mein lieber Paul,

Schon wieder sind ein paar Jahre vergangen seit meinem letzten Brief. Es ist, als ob die Zeit verfliegt. Ich möchte dies aber positiv sehen, denn auch schöne Stunden mit guten Freunden oder Geliebten vergehen wie im Fluge. Wer sich also fragt, wo die Zeit geblieben ist, der hatte wahrscheinlich Besseres zu tun, als ihr beim Verstreichen zuzusehen.

Hinzu kommt, dass bei uns zu Hause der Bär los ist. In meinem letzten Brief hatte ich ja schon angedeutet, dass sich die Familie Einstein eventuell vergrößern würde. Und als ob diese Nachricht ein Zeichen dafür gewesen wäre, war es ziemlich genau neun Monate danach soweit: Unser Sohn Hans Albert wurde geboren. Jetzt ist der kleine Wonneproppen schon fast drei Jahre alt. Unglaublich, wie schnell so ein Kind wächst und sich entwickelt. Es ist schon selbstverständlich, dass er in der Wohnung umherläuft. Ständig muss man aufpassen, dass nichts kaputt geht. Unseren Haushalt hat der Kleine ganz schön auf den Kopf gestellt. Weißt du, was sein erster Satz war? „Mama, ich mag keine Eier“.

Ich könnte noch einige Zeilen mit Schwärmereien füllen. Das Beste ist aber, dass der Kleine mir in der Wissenschaft hilft. Verstehe mich jetzt nicht falsch, er ist kein Wunderkind und kann nicht mit erwachsenen Männern über die Dimension der Moleküle oder den photoelektrischen Effekt diskutieren. Jedoch alleine ihm beim Spielen zuzusehen, ist Inspiration für meine Gedankenexperimente und schafft Raum für meine Fantasie. Er ist einfach nur da und das reicht.

Vielleicht ist er auch der Grund dafür, dass ich vor zwei Jahren gleich fünf Veröffentlichungen hatte. Unter anderem meine Dissertation. Ja genau, lieber Paul, du darfst mich jetzt „Doktor Albert Einstein“ nennen. Auch wenn mir der Titel nicht so wichtig ist und ich mich ein wenig unwohl fühle, mit „Herr Doktor“ angesprochen zu werden, ist die Wissenschaft doch meistens eng mit einer Karriere an der Universität verknüpft, und da sind Titel ja äußerst wichtig. Meine Arbeit am Patentamt ist zwar in Ordnung, aber es sind immerhin acht Stunden am Tag, die der Forschung verloren gehen. Stell’ dir vor, ich könnte mich den kompletten Tag meiner Lieblingsbeschäftigung widmen. Ja, du hast richtig gelesen. Ich habe einen Sohn und die Liebe ist etwas Wunderbares und die meisten Menschen würden unter Lieblingsbeschäftigung das Eine verstehen. Aber, man kann die Liebe nicht ergründen und sie ist nicht verlässlich wie die Physik. Was ich damit sagen möchte: Meine wissenschaftliche Karriere möchte ich noch weiterführen, sodass du mich eines Tages „Professor Doktor“ nennen darfst. Denn erst dann kann ich allein von der Wissenschaft leben und meine Familie ernähren.

Du fragst dich doch bestimmt, was ich denn meine, wenn ich über die Wissenschaft und die Physik rede. Worüber denkt er wohl so lange nach? Was macht er den ganzen Tag? Deshalb möchte ich dir ein Gedankenexperiment vorstellen, mit dem ich mich lange beschäftigt habe. Es mag auf den ersten Blick trivial klingen und man könnte fragen, ob es nicht eher an Tagträumerei grenzt. Aber ich bin mir sicher, dass hinter diesen Dingen eine größere Bedeutung verborgen ist, als man annimmt.

Also folgendes: Es gibt zwei Beobachter, nennen wir sie Klaus und Manfred. Klaus steht in einem Bahnhof, in der Mitte des Bahnsteiges. Manfred befindet sich in der Mitte des Zuges, der gerade an diesem Bahnsteig einfährt. Klaus beobachtet also, wie ein Zug in den Bahnhof hineinfährt. Der Bahnhof ist für ihn sein Bezugssystem. Das bedeutet zum Beispiel: Wenn er die Zeitung, die unter seinem Arm klemmt, verlieren würde, würde diese durch die Schwerkraft senkrecht nach unten auf den Bahnsteig fallen. Manfred hingegen sitzt im Zug und empfindet diesen als sein Bezugssystem. Wenn ihm seine Reisetasche aus der Hand rutscht, fällt diese aus seiner Sicht ebenfalls senkrecht nach unten auf den Fußboden des Zuges. Obwohl sich der Zug bewegt, fällt die Tasche für ihn nicht schräg herunter, wie es passieren würde, wenn er sie aus dem Zug werfen würde. Nach den Regeln der Physik sind diese beiden Bezugssysteme gleichwertig, da in ihnen jeweils dieselben physikalischen Gesetze gelten. Das bedeutet, dass Klaus den Zug an sich vorbeifahren sieht, Manfred hingegen sieht, dass der Bahnsteig an ihm vorbeifährt, da der Zug für ihn ruhend ist.

Klaus hält eine Taschenlampe, deren Licht sich natürlich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet und genau dann aufleuchtet, wenn Manfred an ihm vorbeifährt. Wenn nun also die Lampe aufleuchtet, beobachtet Klaus, dass das Licht an beiden Enden des Bahnsteigs gleichzeitig ankommt, da sie von seiner Position gleich weit entfernt sind. Für Manfred allerdings ist dies nicht die Wahrheit. Zwar haben beide Enden des Bahnsteigs von seiner Position auch denselben Abstand, das vordere Ende des Bahnsteiges scheint aus seiner Sicht jedoch dem Licht entgegenzukommen. In Wirklichkeit fährt er natürlich selbst darauf zu, aber manchmal muss man als Physiker auch mal um die Ecke denken. Ich hoffe, du kannst mir noch folgen. Manchmal verliere ich selbst den Faden.

Wenn also ein Ende des Bahnsteigs dem Licht entgegenkommt, fährt das andere vor ihm weg. Hier muss das Licht dem Bahnsteig-Ende also hinterhereilen und einen weiteren Weg zurücklegen. Auf der anderen Seite ist der Weg kürzer. Für Manfred erreicht das Licht die beiden Bahnsteig-Enden nicht gleichzeitig. Du merkst, das ist jetzt sehr theoretisch. Die Lichtgeschwindigkeit ist so hoch, dass Manfred das überhaupt nicht wahrnimmt. Aber ich wollte dir mal einen kleinen Einblick geben, womit ich mich den Tag über so beschäftige. Manchmal habe ich Langeweile im Patentamt und vertreibe mir so die Zeit. Um es zusammenzufassen: Gleichzeitigkeit ist also relativ, je nachdem in welchem Bezugssystem man sich befindet.

Mit diesem Einblick in meine Gedankenwelt möchte ich den Brief beenden. Wie immer hoffe ich, dass es dir gut geht.

Alles Gute

Dein Albert

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