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GRIMM

Der böse Wolf

Der böse Wolf
Die Märchen der Gebrüder Grimm sind meine ganze Kindheit. Meine besten Freunde waren Tiere, so wie im Märchen „Aschenputtel“. Vögel helfen Aschenputtel bei der vielen Arbeit. Die Kühe und Pferde auf der Weide kannten mich. Das Schwein im Bauernhof nebenan mochte mich. Verletzte Tiere pflegte ich gesund. Ich liebte die Rehe im Wald. Früh morgens schlich ich in den Wald auf den Berg. Auf dem Hochsitz saß oft ein Jäger. Er legte das Gewehr an. Ich pfiff. Die Rehe rannten fort. Der Jäger wurde oft böse. Ich rannte weg. Manchmal rannte der Jäger hinter mir her. „Wenn ich dich erwische, dann gibt es Prügel“, schrie er. Ich war immer schneller.

„Geh nicht allein durch den Wald“ sagte mein guter Vater. „Rede nicht mit Fremden. Sonst bist du in Gefahr, wie Rotkäppchen“. Das Märchen „Rotkäppchen“ war ein Horror für meinen Vater. Rotkäppchen trifft im Wald den bösen Wolf. Sie will zur Großmutter. Sie sagt dem Wolf, „Ich gehe zur Großmutter“. Der Wolf rennt vor. Er frisst die Großmutter. Dann legt er sich verkleidet ins Bett. Rotkäppchen kommt und sagt „Großmutter, was hast du so große Ohren“. „Damit ich dich besser hören kann“ sagt der Wolf. „Was hast du so große Augen“. „Damit ich dich besser sehen kann“. „Was hast du so große Hände?“ „Damit ich dich besser packen kann“. Und am Ende fragt Rotkäppchen: „Was hast du so ein großes Maul“? „Damit ich dich besser fressen kann“, schreit der Wolf. Dann frisst er das Rotkäppchen. Aber ein Jäger kommt. Er rettet das Rotkäppchen und die Oma.

Ich liebte das Märchen. Ich kicherte über den bösen, bösen Wolf. Mein Vater sagte „Sei vorsichtig. Unser Jäger wird dich nicht retten“. „Sicher nicht“, dachte ich. „Vielleicht ist er der böse Wolf“. Eines Tages war ich im Wald. Es war früh morgens. Ich aß Heidelbeeren. Da war ein Mann. Er war böse. „Das ist der böse Wolf“, dachte ich und rannte. Der Mann packte mich am Hemd. Er zerriss mein Hemd. Ich rannte schneller. Und immer schneller. Ich kannte den Wald besser. „Ein Mann, ein Mann“ schrie ich zu Hause und mein Vater rannte in den Wald.

Später besuchte ich meine Großmutter. Sie war dement. Sie erkannte mich nicht. „Der böse Wolf hat sie“, sagte ich zu meinem Vater.

Ich hasste die Disney-Filme über meine Märchen. Ich finde Disney-Filme schlecht. Kürbis-Kutschen, gute Feen und die kitschigen Lieder gibt es nur bei Disney. „Urghhh, würg“ dachte ich. „Ekelhaft“. Grimms Märchen sind so viel besser, so viel schöner. Ja, vielleicht sind Grimms Märchen schauriger. Aber wenn dir eine gute Stimme die Geschichten erzählt, verliert alles seinen Schrecken . Mit Grimms Märchen wurde ich ein junges Mädchen.

Spiegel können reden. Wirklich! Im Märchen „Schneewittchen“ gibt es eine Königin. Sie ist eitel. Ihre Stieftochter Schneewittchen ist schöner als sie. Sie befiehlt einem Mann, Schneewittchen zu töten. Aber der Mann lässt Schneewittchen im Wald frei. Sie lebt dann bei den sieben Zwergen. Die Königin fragt ihren Spiegel:

„Spieglein, Spieglein an der Wand
Wer ist die Schönste im ganzen Land?
Der Spiegel antwortet:
„Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber
Schneewittchen, über den Bergen bei den sieben Zwergen
ist noch tausendmal schöner als Ihr.”

Ich hatte auch einen Spiegel.
„Spieglein, Spieglein an der Wand“ fragte ich
„Wer ist die Schönste im ganzen Land?“
Nicht du“ antwortete der Spiegel und ich kicherte.

Fast jedes Märchen hat einen Prinzen. Der Prinz kommt. In „Schneewittchen“, in „Aschenputtel“, in „Dornröschen“, in „Rapunzel“ und in vielen anderen Märchen. Er rettet das hübsche Mädchen. Sie leben glücklich bis an ihr Lebensende.

„Du magst Tiere. Nimm einen Bauern zum Mann“, sagte meine Mutter. „Ein Prinz wird für dich nicht kommen.“

Ich antwortete „Ich will gar keinen Prinzen. Prinzen sind doof. Ich mag keine schönen Kleider und Kutschen auch nicht.“

„Das ist gut“ sagte meine Mutter mitleidsvoll. „Kein Prinz wird kommen. Außerdem bist du schlau. Prinzen mögen keine schlauen Frauen. Aber du musst heiraten. Ohne Mann ist eine Frau nichts. Sie hat nichts zu essen. Sie hat kein Glück.“

„Ich mache mein eigenes Glück“ sagte ich. „Auch ohne Bauern“.
„So wie Hans im Glück?“ fragte meine Mutter.

In dem Märchen „Hans im Glück“ bekommt Hans ein Stück Gold. Er tauscht das Gold gegen ein Pferd. Er tauscht das Pferd gegen eine Kuh. Er tauscht die Kuh gegen ein Schwein. Er tauscht das Schwein gegen eine Gans. Er tauscht die Gans gegen einen Stein. Der Stein fällt in einen Brunnen. Hans hat gar nichts mehr. Er freut sich.

Hans ist ein Idiot.

„Tauschst du den Bauern gegen dich selbst, hast du am Ende nichts“, sagte meine Mutter.
Vielleicht. Aber Hans ist frei“, sagte ich zu meiner Mutter. „Ich bin frei. Ich will keinen Bauern, keine Wölfe und schon gar keinen Prinzen. Es ist mir egal, dass die Prinzen nicht kommen.“

Die Prinzen kamen aber doch.

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